Auf den Fliesen im Reichstagsgebäude lässt sich gut von Wand zu Wand rutschen. Das haben die 29 Schüler der Grundschule Basdorf als erstes am diesjährigen Kindertag im Bundestag gelernt. Als Volker Wagner vom Besucherdienst am Montag mit seiner Führung beginnt und der Klasse 5a den Hammelsprung erklärt, stehen alle wieder ganz still. Müssen sie auch, denn der Besucherführer macht aus den Fünftklässlern für kurze Zeit Politikerinnen und Politiker, die sich für mehr Kindergeld oder gegen eine Verringerung der Pendlerpauschale entscheiden sollen. Genau wie die Abgeordneten nehmen sie vor den drei Türen des Plenums Aufstellung. Damit geben sie zu erkennen, dass sie dafür, dagegen oder unentschieden sind.
Beispiele aus der Welt der Kinder
Mit einfachen Beispielen aus der Welt der Kinder gelingt es Wagner die Haushaltsdebatten darzustellen. “Wenn du dir einen Hamburger und Schminke kaufen willst, aber nur Geld hast für eins von beidem, was machst du dann?“, fragt er die Kinder. Die Schüler debattieren, ob es sinnvoller wäre zu sparen, sich Geld zu leihen oder sich mit einer Sache zu begnügen. Vom Hammelsprung vor den Glastüren des Plenums geht es weiter zu einem großformatigen Fotogemälde. Von der Tagespolitik führt der Weg schließlich zur nationalsozialistischen Vergangenheit der deutschen Politik.
Anschauliche politische Bildung
Ein Fotogemälde der Künstlerin Katharina Sieverding, zentraler Bestandteil der Gedenkstätte für die verfolgten Reichstagsabgeordneten in der Weimarer Republik im Bundestag, dient als Anschauungsobjekt. Die Schüler kommen schnell selbst auf die Bedeutung des Bildes und können ihr bisheriges Wissen anbringen. Nicht ganz so einfach fällt die Interpretation der russischen Graffitis an den Wänden des Gebäudes. Der Besucherführer erzählt von der Eroberung des Reichstages im Zweiten Weltkrieg durch russische Soldaten, die ihren Namen und politische Parolen an die Wände schrieben, um ihren Sieg zu feiern.
“Die Bundeskanzlerin wird wie eine Klassensprecherin gewählt.”
Während der einstündigen Führung durch das Gebäude wird es den Kindern nie langweilig. Immer wieder tauchen Beispiele aus der Lebenswelt der Kinder auf, um Zusammenhänge zu erklären. Schließlich sei eine Bundeskanzlerin einer Klassensprecherin nicht unähnlich, so Wagner. “Es ist wichtig die Kinder zu achten und verständlich zu erklären, damit sie ein Interesse an der Politik behalten.”
La-Ola-Welle auf der Besuchertribüne
Auf der Besuchertribüne mit Blick auf das Plenum wollen die Schüler noch mal alles ganz genau wissen. Wieso sind hier überall Telefone? Was bedeutet die Anzeigetafel? Wofür sind die roten Knöpfe an den Tischen da? Geduldig werden alle Fragen geklärt und die Schüler sind so zufrieden, dass sie den Besucherführer schließlich mit einer La-Ola-Welle verabschieden. Seine erste, in fast zwanzig Jahren Besucherdienst.
Viermal im Jahr finden an den Kindertagen Führungen für Kinder zwischen sechs und 14 Jahren statt. Der nächste Termin ist am 6. Oktober 2008.
Im Rahmen von Berlin 08, dem Festival für junge Politik, haben sich am Wochenende mehr als 8000 Jugendliche zwischen 14 und 24 Jahren in Berlin getroffen, um gemeinsam über Politik zu diskutieren, sich auszutauschen und Neues kennen zu lernen. “Bundesjugendparlament” heißt eine von über 350 Arbeitsgruppen. Die Jugendlichen erarbeiteten das Modell einer Parlamentsbeteiligung von Jugendlichen für Jugendliche. Dieses Konzept wurde anschließend Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse (SPD) vorgestellt, um es auf seine Machbarkeit überprüfen zu lassen. mitmischen.de war dabei…
Politik dauert. Nach anderthalb Stunden Arbeitsgruppe haben sich die 14 Teilnehmerinnen und Teilnehmer noch nicht auf die Länge der Legislaturperiode im Bundesjugendparlament einigen können – und Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse wartet schon. Schließlich sind in der Arbeitsgruppe alle Unklarheiten beseitigt, die Pappen für die Präsentation werden gestaltet und es wird festgelegt, wer präsentieren soll. Derweil signiert Wolfgang Thierse im Foyer die T-Shirts von wartenden Jugendlichen.
© M. WinkelmannAls die Teilnehmerinnen und Teilnehmer die Bühne betreten, wird auch die Regisseurin hektisch. Ton- und Lichttechniker werden hin- und hergescheucht, für Wolfgang Thierse wird nach der richtigen Position für eine optimale Ausleuchtung gesucht. Als dann die Bühne steht, die Kameras laufen und alles perfekt ausgeleuchtet ist, kann eigentlich nichts mehr schiefgehen – doch nun streiken die Mikrofone. Bis die Techniker den Fehler behoben haben, beugt sich Thierse vor und lauscht den Vorschlägen auch ohne Verstärkung.
“Wir wollen uns nicht vereinnahmen lassen”
Dann läuft endlich alles wie am Schnürchen. Die Gruppe erklärt, dass zukünftig in jedem Wahlkreis auch ein Jugendlicher zwischen 14 und 21 Jahren gewählt werden soll. Diese Jungpolitiker bestimmen dann aus ihren Reihen Delegierte für ein Landesparlament, aus welchem das Jugendparlament auf Bundesebene rekrutiert wird. “Und was soll das Bundesjugendparlament leisten?”, ist Thierses erste Frage. Darüber war in der Gruppe zuvor lange diskutiert worden. Die Jugendlichen wollen keine Konkurrenz zum echten Parlament installieren, sondern zu wichtigen Themen Stellung nehmen, Verbesserungsvorschläge einreichen und vor allem selbst lernen, wie Politik funktioniert. Thierse nickt, will aber wissen, warum die Schüler nicht einfach in eine Jugendorganisation der Parteien eintreten. Auch das war vorher ein heißer Diskussionspunkt. “Wir wollen uns nicht vereinnahmen lassen”, sagt Teilnehmerin Stefanie Raubrich aus Hildesheim. Die Schülerin ist im Jugendforum Hildesheim aktiv und will sich nicht einer bestimmten Partei zugehörig fühlen. Auch möchte sie vermeiden, Entscheidungen aufgrund eines Fraktionszwangs treffen zu müssen. Alle in der Gruppe stimmen ihr zu und auch das 200 Personen starke Publikum klatscht Applaus.
© M. WinkelmannJugendliche wollen in der Politik unabhängig und ehrlich sein. Diesen Ansatz schätzt der Politiker. Er gibt aber zu bedenken, dass eine Parteizugehörigkeit auch Vorteile schaffen kann: “Politik ist auch verhandeln und Mehrheiten finden, um die eigene Meinung besser vertreten zu können. Ganz automatisch ergeben sich Bündnisse und Interessengemeinschaften. Nicht zwangsläufig nur innerhalb von Parteien, aber häufig lassen sich gemeinsame Wertvorstellungen in der eigenen Partei am ehesten finden. Überparteilichkeit gibt´s nicht, man ist immer Teil eines Ganzen”, dabei bleibt Thierse.
Die Jugendlichen kontern – für sie ist es wichtig, unabhängig zu sein und sich Bündnisse nur dann zu suchen, wenn alle Beteiligten auch wirklich einer Meinung sind. Wieder gibt es Beifall für die Schülerinnen und Schüler. Die eigene Meinung bewahren – das trifft den Nerv der Zuschauer.
Wieder gibt es Beifall für die Schülerinnen und Schüler. Die eigene Meinung bewahren – das trifft den Nerv der Zuschauer. “Überparteilichkeit – ich glaube nicht dran, aber der Gedanke ist sympathisch” - mit diesem Geständnis gibt der Bundestagsvizepräsident den Jugendlichen schließlich Recht.
Vom Gedankenmodell zum Entwurf
© M. WinkelmannNach der Diskussion geht es in der Nachbesprechung noch einmal hoch her. Die meisten sind einverstanden mit den Argumenten von Wolfgang Thierse. Theresa Koch aus Würzburg hat bei dem Workshop mitgemacht, weil sie sich für Politik interessiert und “neugierig auf Thierse” war. “Ich bin gespannt, wie er auf die Vorschläge reagiert”, hatte sie vor der Diskussion erklärt. “Es war sehr aufschlussreich, auch wenn wir halt noch nicht denken wie richtige Politker”, ist ihr Fazit nach der Diskussion.
Innocent Töpper ist einer der beiden Workshopleiter und zufrieden mit den Antworten des Politikers. “Klar, man ist nicht immer einer Meinung, aber er hat klar und verständlich geredet und uns ernst genommen.” Die Nachbesprechung leitet sein Kollege Eric Donner.
“Wir haben gemerkt, dass Wolfgang Thierse skeptisch ist, ob es gelingen kann. Deshalb brauchen wir ein starkes Konzept, um unsere Idee einreichen zu können.” Aus diesem Grund beschließen die Teilnehmer in Kontakt zu bleiben und über das Internet weiter an ihrem Projekt zu arbeiten.
Die Workshopteilnehmerinnen und -teilnehmer laden interessierte Jugendliche zur Mitarbeit ein, auch solche, die nicht auf dem Festival am Workshop teilgenommen haben. Die Programmmacher Eric und Innocent haben inzwischen eine Internetplattform eingerichtet, auf der die Idee des Bundesjugendparlament Gestalt annehmen soll.
“Demokratie braucht Nachwuchs”
Im Vorfeld der Podiumsdiskussion hatte Wolfgang Thierse betont, wie wichtig Nachwuchs für die Demokratie ist und dass sich Jugendliche in der Demokratie engagieren müssen, um sie zu verstehen und eines Tages aktiv mitgestalten zu können. Zumindest auf der Berlin 08 wurde deutlich: Die 14 Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Workshops sind bereit, sich zu enagieren - auch wenn es manchmal etwas länger dauert, bis eine Entscheidung getroffen werden kann.
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