Artikel in der Rheinischen Post
Zivildienst im Hörsaal
Bücher ausleihen, Dokumente kopieren, Essen in der Mensa kaufen: Der Uni-Alltag fällt Behinderten schwer. Deshalb gibt es für diese Studenten an der Hochschule in Düsseldorf eigens Zivis. Und die helfen auch schon mal bei Prüfungen.
Von Michael Winkelmann
Für Thomas Bienen ist die Heinrich-Heine-Universität erste Wahl. Er ist Student im Rollstuhl und hatte sich vor Beginn seines Studiums über die Behindertenfreundlichkeit der Universitäten in Nordrhein-Westfalen informiert. „Dass es an der Uni eigens Zivis für Menschen mit Behinderung gibt, hat den Ausschlag gegeben“, sagt Bienen (26).
Mark Neukirchen hat als einer von zwei Zivildienstleistenden, die von montags bis freitags in der Uni sind, Studierende mit Behinderung unterstützt. Rund 120 dieser Studenten gebe es an der Uni, die mehr oder weniger regelmäßig die Hilfe von ihm oder seinem Kollegen in Anspruch nehmen, sagt er. „Häufig sind es kleine Sachen, die wir machen können. Bücher aus der Bibliothek ausleihen, Dokumente kopieren oder einfach den Rollstuhlfahrern im Gewusel der Mensa zur Seite stehen.“ Das gehe schnell und unkompliziert. Ein kurzer Anruf auf dem Diensthandy und die nächste Mittagspause in der Mensa sei kein Problem mehr.
Eine größere Herausforderung für den 20-Jährigen stellte die Jura-Prüfung mit einer blinden Studentin dar. „Unter Aufsicht des Prüfers haben wir in einem seperaten Raum gesessen. Sie hat mir dann gesagt, auf welchen Seiten ich die für die Prüfung nötigen Gesetze finde und die habe ich ihr dann vorgelesen.“
Neukirchen möchte selbst im Oktober ein Jura- Studium an der Heine-Uni beginnen und hat größten Respekt vor den Leistungen der behinderten Studenten. „Viele Fächer sind ohnehin schon schwer genug, ich kann mir gar nicht vorstellen, welche zusätzliche Mühe es ist, das auch noch als Blinder oder Gehörloser zu schaffen.“ Seine Arbeit mit den Studenten hat ihn aufgrund der verschiedenen Fachrichtungen schon mit Medizin, Betriebswirtschaftslehre, Jura, Sozialwissenschaften und der Psychologie in Berührung gebracht.
Thomas Bienen wird mittwochs vom Zivildienstleistenden immer in seine Vorlesung zur Sozialwissenschaft geschoben. Ihm gefällt sein Studium sehr. Nach einer Ausbildung als Bürokaufmann wollte der 26-Jährige das studentische Leben kennen lernen und seine Fähigkeiten fortentwickeln. Nach seinem Abschluss möchte Bienen am liebsten im Journalismus oder der Öffentlichkeitsarbeit tätig werden. „Ich habe guten Kontakt zu meinen Kommilitonen und den Dozenten. Die unterstützen mich sehr – und zwar nicht nur wenn ich mal wieder nicht durch eine Brandschutztür komme.“
Verbesserungen, sagen übereinstimmend Zivi Neukirchen und Student Bienen, sind noch durchzuführen. Abgesehen davon, dass sich einige Türen vom Rollstuhl aus nur schwer öffnen lassen, existieren in der Uni viele Räume die kaum von Gehbehinderten zu erreichen sind.
Der Behindertenbeauftrage der Heine-Universität, Professor Matthias Franz, hat deshalb zusammen mit den Studenten und den Zivis eine Prioritätenliste erstellt, was an der Uni geändert werden muss, um sie behindertengerechter zu machen. Mängel sollen bei Begehungen festgestellt und vom Gebäudemanagement der Uni beseitigt werden.
Eine architektonische Eigenart des Campus wird nicht zu beheben sein. Das wellenförmige Auf und Ab der Wege um die Gebäude sind Teil des Konzepts der Universität, ein „Schiff des Wissens“ darzustellen. Rollstuhlfahrer werden sich deshalb auf dem Gelände auch weiterhin als „Wellenreiter“ betätigen müssen.
Finanzbeamte überlastet
In den vier Düsseldorfer Ämtern ist die Personaldecke dünn geworden. Die Steuergewerkschaft kritisiert, dies gehe auf Kosten der sorgfältigen Bearbeitung von Anträgen und Betriebsprüfungen. Ein Computerprogramm soll helfen.
von Michael Winkelmann
Die Personaldecke in den Finanzämtern ist spürbar dünner geworden. „650 Finanzbeamte – anders ausgedrückt drei Ämter – sind im Rheinland in den Ruhestand gegangen“, rechnet der stellvertretende Vorsitzende der Steuergewerkschaft, Jürgen Deimel, vor. Seit Januar müssen die vier Düsseldorfer Ämter mit 40 Mitarbeitern weniger auskommen. Die Folge: Steuerberater stellen Verzögerungen bei der Erteilung von Bescheiden fest. Die Gewerkschaft kritisiert, dass Steuererklärungen „nicht mehr so sorgfältig wie bisher“ bearbeitet werden können. Gleiches gelte für die Abwicklung von Betriebsprüfungen.
Verzögerungen von einem Monat
Die seit Januar in den Vorruhestand geschickten Mitarbeiter haben unter den 950 verbliebenen Kollegen offensichtlich noch nicht kompensierte Lücken hinterlassen. Der Oberkasseler Steuerberater Thomas Wiese geht von einer Verzögerung bei der Bearbeitung der Steuerbescheide von „rund einem Monat“ aus. Sein Kollege Robert Stürcke beurteilt die Personallage zwar zurückhaltender, bemängelt aber: „Es dauert generell lange, bis die Bescheide eintreffen. Mitarbeiter der Finanzämter sind telefonisch schwer zu erreichen.“ Stürckes schließt daraus, die Finanzbeamten seien überarbeitet.
Der Geschäftsstellenleiter des Finanzamts Altstadt, Peter Classen, bestätigt solche Überlegungen. „In meinem Amt haben die Kollegen unter einer großen Arbeitsdichte zu leiden.“ Gewerkschafter Jürgen Deimel geht einen Schritt weiter: „Die Stimmung in den Ämtern ist wegen der erheblichen Mehrbelastung sehr gedrückt.“ Auch der stellvertretende Vorsteher der Finanzämter, Gerald Gruse, kann die Unzufriedenheit der Kollegen verstehen. Er sieht in den ungleichmäßigen Personalabgängen einzelner Ämter ein Problem. Allerdings würden die aktuell benachteiligten Ämter bei der nächsten Gelegenheit bevorzugt mit frisch ausgebildeten Beamten versorgt. Gruse sieht eine Entlastung der Mitarbeiter in einem Computerprogramm. Dessen Risikomanagement prüfe die Steuererklärungen auf Unregelmäßigkeiten. Bei Beanstandungen kontrolliere ein Mitarbeiter noch einmal nach. Wie streng das Computerprogramm prüft, lasse sich an den Kapazitäten des jeweiligen Amtes ausrichten. „Die wichtigsten Prüfungskriterien bleiben jedoch immer bestehen“, versicherte Gruse. „Bei großen und verdächtigen Beträgen wird die Steuererklärung von einem Sachbearbeiter geprüft.“
Hochkompliziertes System
Gruse räumt ein, dass es beim „hochkomplizierten Steuerystem“ nicht nur für den Steuerzahler, sondern auch für den Finanzbeamten schwierig geworden sei, den Überblick zu behalten. Dass seine Kundschaft jedoch länger auf die Bescheide warten müsse, sei ihm noch nicht aufgefallen. Im Gegenteil: „Die Menschen werden zufriedener mit dem Amt.“ Die Einrichtung der Servicestellen, in denen beim Ausfüllen der Formulare geholfen wird, sei ein Erfolg.
Riesenwelse erobern den Rhein
Angler und Experten beobachten: Im Rhein gibt es immer mehr Welse. Auch bis zu zwei Meter große Exemplare, wie es die Feuerwehr jüngst tot borg, könnten künftig öfter vorkommen. Eine Gefahr?
Von Michael Winkelmann und Sabine Schmitt
Region Düsseldorf Die Angelrute krümmt sich und krümmt sich weiter. Dann reißt der Fisch die Schnur von der Rolle. Am Haken hängt ein Wels – ein Riesenwels. Das hat Jürgen Pieper, Chef des Niederkasseler Angelsportvereins, schon selbst erlebt – und er hört von solchen Erlebnissen immer öfter. Zufall ist es nicht, dass Pieper und seine Angelkollegen sich vermehrt solche Geschichten erzählen. Denn im Rhein steigt die Zahl der Welse. Und Fische dieser Raubfischart werden gut zwei Meter groß – zu groß und zu schwer also für eine gewöhnliche Angelrute. Zu diesem Trend passt, dass Dienstag auf Höhe der Messe ein etwa 1,80 Meter großer Wels gesichtet wurde – er war allerdings schon verendet.
Grund: Der Rhein wird wärmer
Einer, der den Überblick über das Leben im Rhein hat, ist Stefan Staas. Er ist Hegebeauftragter der Rheinfischereigenossenschaft NRW. Wie viele Welse mittlerweile im Rhein schwimmen, lasse sich nicht erfassen. Fest stehe aber, dass öfter Welse, und besonders junge, gesichtet würden: „Zeichen dafür, dass die Population zunimmt.“ Der Fischexperte Staas hat auch eine Erklärung dafür, dass Welse sich im Rhein immer wohler fühlen: Der Raubfisch mag es warm. Und der Strom wird immer wärmer. In den vergangenen 30 Jahren sei die Wassertemperatur im Schnitt um 0,1 Grad pro Jahr gestiegen – also um drei Grad seit 1978. Deshalb schwimme der Wels immer weiter den Fluss hoch.
Über die Frage, ob Riesenwelse gefährlich für Menschen sind, können Experten nur schmunzeln. Das sind sie nicht. Für kleinere Fische und Enten sieht die Sache schon anders aus. An der Frage, ob mehr Raubfische ein Problem für andere Fischarten im Rhein seien, scheiden sich die Geister, sagt Staas. Manche meinen: „Der Wels frisst alles weg.“ Staas sagt: „So ist die Natur.“
Zähne wie eine Drahtbürste
Fest steht allerdings: Der Wels hält sich nicht nur am Gewässergrund auf und wartet, bis ihm durch Sog Fische ins Maul strömen. Er lässt sich an der Wasseroberfläche auch schon mal die ein oder andere Ente schmecken. Auch dass der Raubfisch, der Zähne wie eine Drahtbürste besitzt, einen kleinen Hund fressen könnte, schließt Staas nicht aus. Das müsse aber schon ein unglücklicher Zufall sein.
Apropros Zufall: Verwunderlich findet der Fischexperte auch, dass der aus dem Rhein gezogene Düsseldorfer Riesenwels, der laut Umweltamt eines natürlichen Todes starb, offenbar unversehrt war: „Normalerweise fressen Krabben und Krebse tote Fische auf.“
Amt unter freiem Himmel
Polizei und Ordnungsamt luden zur Bürgersprechstunde auf den Hammer Dorfplatz. Im Anschluss wollten sich die Mitarbeiter als Team um die Beschwerden der Besucher kümmern.
Von Michael Winkelmann
Hamm Das Ordnungsamt ist selbstbewusst. „Wir kommen gut an bei den Bürgern“, meinte der Mitarbeiter des Ordnungsamts und wurde darin gestern von den Bewohnern von Hamm bestätigt: Beamte der Polizei, des Ordnungsamts und der Verkehrsüberwachung hörten sich bei der Bürgersprechstunde – ein von zehn innerhalb eines Jahres – vor der Blasiuskirche die Beschwerden der Bevölkerung an.
Beate Schiefer war begeistert: „Das ist viel besser, als wenn die Mitarbeiter den Menschen nur am Telefon zur Verfügung stehen.“ Die 45-Jährige wollte sich gestern auch nicht beschweren, sondern vielmehr einen Verbesserungsvorschlag anbringen. „Wegen des nahen Industriegebiets fahren mindestens zehn Lkw am Tag durch den Ort. Eine unübersichtliche Beschilderung führt die Fahrzeuge dabei immer wieder in Sackgassen oder in die falsche Richtung.“ Als Schiefer nun beim Frühstück bemerkte, dass ein Sattelschlepper direkt vor ihrem Haus ein waghalsiges Wendemanöver durchführte, entschloss sie sich, diesen Fall direkt an die Beamten heranzutragen. „Wir können uns vor Ort häufig schnell und unbürokratisch um das Problem kümmern“, erklärt der Beamte. Nach der Bürgersprechstunde wollte er sich gemeinsam mit den Kollegen die fraglichen Straßenschilder ansehen und den Fall dann ans Straßenverkehrsamt weiterleiten.
Hamm wird zugeparkt
Eine andere Anwohnerin beklagte, dass ihr immer wieder die Einfahrt zugeparkt werde. Ihr war es wichtig, das persönlich dem zuständigen Polizisten mitzuteilen und die Situation zu erklären. So wünscht sie sich eine größere Polizeipräsenz. Wilfried Jackels, Bezirksbeamter für Hamm und Volmerswerth, kennt das Problem. „Bei schönem Wetter werden diese Stadtteile zugeparkt, weil ganz Düsseldorf an den Rhein möchte.“ Seinen Bezirk empfindet Jackels dennoch als angenehm: „Die Stadtteilbewohner achten auf ihre Straßen und rufen nicht immer direkt die Polizei, sondern entsorgen beispielsweise wilden Müll zum Teil selbst.“ Ihm gefällt, dass viele Bürger die Chance zum persönlichen Gespräch nutzten und von wilden Müllkippen berichteten oder auf wildes Campen und Grillen im Landschaftsschutzgelände des Rheinufers hinwiesen.
Ungefähr 30 Gespräche wurden an diesem Vormittag geführt. „Man muss mit den Leuten das Gespräch suchen, und da leistet die Bürgersprechstunde wertvolle Hilfe“, meinte Jackels. Die Beamten des Ordnungsamts pflichteten ihm bei: „Es ist wichtig für die Leute, auch persönlich erreichbar zu sein, damit sie sehen, dass sich das Amt kümmert.“ Das Ordnungsamt erwägt auf Anregung einer Bürgerin nun die Sprechstunde auch auf den Nachmittag auszudehnen.
Mit dem Fahrlehrer am Seestern
Auf der vielbefahrenen Kreuzung in Lörick kommt es häufig zu Unfällen, weil die Ampelanlage unübersichtlich angebracht ist. Fahrschulen nutzen die schwierige Verkehrslage gezielt für ihre Fahrstunden.
Von Michael Winkelmann
Selbst der Fahrlehrer hat die Ampel übersehen. Für seinen Schüler Alexander Stutz (20) ist das nicht der erste Schrecken dieser Fahrstunde. Auf der unübersichtlichen Auffahrt zum Seestern nehmen ihm zwei Fahrradfahrer die Vorfahrt und kreuzen die dreispurige Fahrbahn des Verkehrsknotens.
Schnell wird Stutz klar, dass höchste Konzentration gefordert ist, um die Kreuzung Brüsseler/ Lütticher Straße ohne Unfall zu überstehen. Der Fahrschüler und junge Lagerarbeiter hat die Theorie schon bestanden, steht kurz vor der praktischen Führerscheinprüfung und will noch mal potenzielle Prüfungsstrecken abfahren.
Vier Kreuzungen
Aus vier Kreuzungen besteht der Seestern und ist selbst für geübte Autofahrer schwierig zu befahren. „Viele verhalten sich falsch. Mit einem Fahranfänger würde ich diese Strecke auf keinen Fall fahren“, erklärt Michael Stöckmann (44) von der Fahrschule Reinhold.
Nach ein paar Übungsrunden meint der junge Fahrer aus Heerdt selbstbewusst: „Es gibt schwierigere Stellen.“ Tatsächlich hat sich seine anfängliche Nervosität gelegt. Doch schon bei der nächsten Anfahrt übersieht ein vorausfahrender Wagen die Ampelzeichen und wird von zwei Seiten wild angehupt. Die Hitze macht die im Stau stehenden Fahrer offenbar aggressiver und unaufmerksamer. Nachmittags ist der Seestern dermaßen verstopft, dass solche Verkehrsverstöße eher einem Vordrängeln entsprechen als einer gefährlichen Verkehrssituation.
Gefährlicher, so Stöckmann, sei die irreführende Fahrbahnführung. Die Leute wechseln ihre Spur, ohne auf die anderen Verkehrsteilnehmer zu achten. Aus diesem Grund nutzt die Fahrschule Reinhold bewusst den Seestern, um mit den Fahrschülern vorausschauendes Fahren zu üben. „Der Verkehr in Düsseldorf ist merklich gewachsen, heutzutage brauchen Fahrschüler zwangsläufig mehr Fahrstunden“, sagt Stöckmann. Da kommt der Fahrschule das Verkehrschaos am Seestern gelegen. „Gefahren zu erkennen und in Stresssituation einen kühlen Kopf zu behalten, das können wir hier besonders gut trainieren“, sagt Fahrschulchef Stefan Reinhold (46).
Unfälle hat seine Fahrschule an diesem Verkehrsknoten noch nicht produziert, aber „brenzlige Situation gab es auf jeden Fall“. Zufrieden ist er mit dem von der Stadt Düsseldorf unfreiwillig geschaffenen Übungsgelände aber nicht. Von der Stadt fordert Reinhold, die Ampeln in Sichthöhe anzubringen. „Zu häufig geraten die Ampellichter aus dem Blickfeld“ , sagt er. Er rät, langsam auf den Seestern zu fahren, um einen Überblick über die Verkehrslage zu gewinnen.
In der Tat schießen viele Fahrer geradezu in die Kreuzung hinein, als sei das beim Überwinden des Staus hilfreich. Stefan Reinhold trainiert auf dieser Kreuzung wahrscheinlich am häufigsten. Von seinem Wohnort Kaiserswerth zur Fahrschule in Oberkassel muss er jeden Morgen den Seestern passieren und abends wieder unfallfrei nach Hause kommen.