Goldene Zeiten – 02 Paranoia am Ende der Welt

Paranoia am Ende der Welt
Von Michael Winkelmann
Vorsicht ist besser als Nachsicht. Nur weil es einem gut geht, heißt das nicht, dass man nicht trotzdem Angst haben soll.
Die Angst vor Terrorismus treibt in vielen Ländern eigenartige Blüten. Die meisten mit eingebautem Mikrofon und Überwachungskamera. Die weltweite Finanzkrise hat dieses neue Gefühl der Unsicherheit weiter verstärkt und führt auch in Australien zu einer regierungs- und mediengeschürten Paranoia. „Wir gegen die“, „Wir zuerst“, „Das Boot ist voll“. Gibt es jetzt auch Down Under.
Mit Faszination schaue ich die wöchentliche Dokumentationsreihe “Australia’s Border Patrol”. Die emsigen Grenzbeamten fischen die schwarzen Schafe aus dem Flugverkehr der ankommenden Reisenden. Drogenschmuggler, Frauenschmuggler, Joghurtschmuggler. Australien, so scheint es, ist Importnation und die Wurzel allen Übels sind Asiaten.
Ich verfolge dieses filmgewordene Stück Rassismus seit fünf Wochen und alle überführten Deliquenten sind aus China, Indonesien, Taiwan, Bali usw. Die Show ist ein Renner, was verwundert, da sie äußerst langweilig ist. Vier von fünf Fällen handeln von Schmuggel und nach den üblichen Stationen Verdacht. Verhör, Schweigen, Gestehen und Moralpredigt als Off-Kommentar ist der Spuk wieder vorbei. Bis dahin zieht es sich allerdings ziemlich. Alle zehn Minuten gibt es eine Werbepause und darin werden die Leute weiter scharf gemacht.
Die Regierung schaltet flächendeckend Werbespots in denen sie dazu aufruft, wachsam zu bleiben. In bester Orwell Manier werden die Umrisse Australiens als Telefonanrufe simuliert. Stimmen berichten von verdächtigen Begebenheiten, Geständnissen die ihnen gemacht wurden und Kleinkriminalität in der Nachbarschaft.
Über Border Patrol und die unseligen Werbespots machen wir uns in der WG gerne lustig, wobei meine Mitbewohner sagen, dass die Leute heutzutage generell mehr anzeigen und einander stärker überwachen. Ein Mitbewohner musste eine Strafe wegen Umweltverschmutzung zahlen. Er war beim Wegwerfen einer Coladose beobachtet und angezeigt worden. Die Leute reden nicht mehr miteinander sondern gehen direkt zur Polizei.
Junge Leute und Studenten nehmen diese ganze Kampagne nicht ernst. Viele sind Ausländer, von allen meinen Freunden sind die Vorfahren irgendwann eingewandert. Leute die viel Fernsehen gucken oder einfach nicht viel raus kommen denken undifferenzierter über das TV Programm nach. Jeder in Australien hat nicht-weiße Freunde aber die sind ja auch nicht gemeint. Es geht um die die man nicht kennt.
In den öffentlichen Verkehrsmitteln hängen Plakate mit der Aufschrift: „Luggage without an owner doesn’t make sense.“ Ein Koffer ohne Besitzer hat keinen Sinn. Ganz pfiffig der Spruch, ist von einer Kampagne in Großbritannien, das Land der Überwachungskameras, übernommen worden und fördert, meines Erachtens, Paranoia bei Großstadtmenschen.
Nach dem Angriff auf ein Cricket-Team in Pakistan waren australische Medien voll von Mutmaßungen was sich nun für den Nationalsport Cricket und seine Zuschauer ändern würde und dass auch eine Gefahr besteht für den Schulsport australischer Kinder.
Generell findet „Australia“ zur Zeit viel Verwendung als Adjektiv und Personalpronomen.
„There is no reason, why Australians…“
„Australian citizens have a right to…“
Den Leuten wird ihre Nationalidentität bewusst gemacht. Einen Feind generieren um sich als Gruppe zu fühlen ist eine der ältesten Strategien der Welt um seinen Willen gehen gesunden Menschenverstand durchzusetzen.
Australien entspricht in vielen Bereichen dem gute Laune Klischee, dass wir uns von diesem Kontinent machen. Strände, Sonnenschein, lockere Arbeitsatmosphäre und trotzdem alle Segnungen der modernen Welt. Nachrichten auf internationalem Niveau sind selten eine Exportware Australiens. Die Einheimischen spotten, dass ihr Land zu weit weg von allem ist um irgend wie gefährdet oder auch nur interessant zu sein. Aber nicht jeder Bürger fühlt sich ausreichend in Ruhe gelassen von der Welt. Eine beliebte Verschwörungstheorie besagt, dass Indonesien oder China jederzeit Australien überfallen können und emsig an der Umsetzung dieses Plans arbeiten. Wie jede Verschwörungstheorie wandelt sie auf dünnem Eis und da den Skeptikern von Ruhe und Sicherheit auch noch nicht klar ist, welches der beiden asiatischen Länder einen ganzen Kontinent zu erobern trachtet, kann wohl bisher noch eine Reiseempfehlung nach Australien abgegeben werden.
Wenn Sie nach Australien reisen, versuchen Sie nach Möglichkeit weiß und ohne Lebensmittel oder Frauen zu reisen. Andernfalls sind Sie schneller im nationalen Fernsehen als Sie „George Orwell“ sagen können.
Goldene Zeiten – 01 Fahrwasser

Fahrwasser
Von Michael Winkelmann
Manchmal sind die Straßen einfach nicht breit genug. Australien ist das Land des grenzenlosen Horizonts und der ewig langen Straßen auf denen man fast nie jemandem begegnet. Wenn doch, dann kracht es. Todsicher.
Innerstädtisch kommen die Straßenfeger kaum nach mit dem Säubern. Blinker und Scheinwerferreste liegen an jeder Kreuzung. Trotz Rezession wird in den Werkstätten emsig geschweißt und lackiert. Die Abschleppwagen kreisen über den Städten.
Ich hab eine ganze Woche unfallfrei durchgehalten bis unser vollbesetzter japanischer Kleinwagen durch einen unachtsamen Verkehrsteilnehmer weiter verkleinert wurde. Verletzt wurde niemand aber unserem Toyota ist der Kofferraum ins Unbrauchbare eingedrückt worden. Keine zwei Minuten brauchten wir auf dem Standstreifen zu warten, bis der erste Abschleppgeier angeflogen kam.
Dem Unfallverursacher, einem zittrigen Mädchen mit verheulten Augen konnte er nicht viel Mut machen: „Da muss fast alles neu gemacht werden.“ Psychologe wird der nicht mehr. Mit der Schwester der Zittrigen traf auch ihr Mechaniker/Freund ein. Der schaffte es den Wagen fahrtüchtig zu kriegen. Der stämmige Abschleppwagenfahrer machte ein langes Gesicht. Ein Kollege war bereits um unseren Wagen besorgt. Der Schaden schien nicht verkehrsgefährdent zu sein.
Inzwischen waren wir eine große Gruppe. Zwei Unfallwagen, zwei Abschleppwagen, Schwester und Mechaniker. Zehn Leute. Freundliche Menschen hielten und fragten ob sie helfen können. Wir machten aber nicht auf alle einen angegriffenen Eindruck. Ein Paar mittleren Alters hielt und bat den Weg zum Strand gewiesen zu bekommen.
Das Abschleppbusiness lohnt sich hier. Wer einen Unfall beobachtet und einer Firma Bescheid sagt, erhält von dieser 50 Dollar/ca. 25 Euro.
Jeder Australier bestätigt, dass die Landsleute gemeingefährlich Auto fahren. Es sind „Die Anderen“ die nicht fahren können. Abgesehen von wenigen Großstädten, hat jeder Autofahrer Platz zu rangieren und auf ein paar Zentimeter kommt es da nicht an. Das führt schnell zu einem Fahrverhalten dass entspannt beginnt und unvorsichtig dem Vordermann in den Kofferraum kracht.
Das habe ich auch an mir selbst bemerkt. Wenn man vier Stunden schnurgerade aus fahren muss, auch aus Mangel an Alternativen, leidet die Konzentration. Die Umstellung auf Stadt und Rücksichtnahme fällt dann schwer. Abgesehen davon, herrscht hier Linksverkehr und ich konnte eine Bekannte in helle Aufregung versetzten, als ich mit ihrem Geländewagen eine Verkehrsinsel unbeabsichtigt auf „meine“ Weise umrundete.
Zumeist nehme ich am Straßenverkehr mit meinem Mountainbike teil und verhalte mich wie unverwundbar. Kreuze, schneide und überquere wie es mir gerade durch die Birne rauscht. In Deutschland klappt das ganz wunderbar, weil die Leute Angst um ihre Autos haben. Kratzer im Lack mindern den Wert des Fahrzeugs und somit die Lebensqualität des Besitzers. Fahrradfahrer werden weiträumig umfahren.
In Australien begebe ich mich, sobald ich das Auto verlasse von der aktiven Rolle – ich überfahre – in die passive – ich werde überfahren.
Einfach weil die Angst um den eigenen Wagen fehlt und die Interaktion zweier Verkehrsteilnehmer eher einem Zweikampf nahe kommt. Ein Kampf des Geistes – Wer bremst zuerst? Kratzer im Auto und Blutergüsse im Fahrradfahrer gehören zum Leben dazu. Ich wurde hier noch nicht mutwillig überfahren aber ein Spurwechsel hat eine Höhereinstufung in der Unfallversicherung zur Folge. Nicht ohne Grund herrschen hier Helmpflicht und Bürgersteigempfehlung für Radfahrer.
Ein gravierender Grund für das reaktionsschwache Fahrverhalten ist die Angewohnheit sich nicht zwischen Trinken und Fahren entscheiden zu wollen. Die meisten Biere kommen auch in unhandlichen 0,75 Liter Flaschen daher und müssen schnell geleert werden, bevor sie zu warm werden. So muss man auch schneller wieder zum Laden um Nachschub zu holen und diese 500 Meter können unmöglich zu Fuß zurück gelegt werden. Leider keine Mutmaßung sondern immer wieder bei Freunden und Bekannten festgestellt.
Die meisten Zusammenstöße gehen, wie unserer, glimpflich aus. Auf „Speeding“/Geschwindigkeitsübertretung stehen drakonische Geldstrafen im vierstelligen Bereich. Auto fahren ist in den Städten stressig. Angenehm wird es in der Weite des Landesinneren. Wenn abends die Sonne rot untergeht und kilometerweit nichts als Natur zu sehen ist kann ich die Straße genießen. Wenigstens bis mir ein Känguru vor den Wagen läuft und außer Funktion setzt. Aber das wäre eine andere Geschichte.